Junge Theatergruppe RAMY: Der Sandmann

Am 21.06.2013 fandie Premiere unserer „Jungen Theatergruppe RAMY“ statt: Hier die ersten Eindrücke der Vorstellung. Herzlichen Dank an Anna und Jelena, den Darstellern/innen und den Technikern. Die Bilder wurden aufgenommen von Nicola Haubner-Neven.

“Der Sandmann” der Jungen Theatergruppe RAMY im Haus der Jugend

– von Tobias Betzin –

„Angst ist ein Gefühl, das jeder von uns manchmal hat“, erklärt die Junge Theatergruppe RAMY in ihrem Stück, das sich in dieser Saison an der Erzählung „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann orientiert.

Erzählt wird die Geschichte von Nathanael, der von den Erinnerungen aus seiner Kindheit in Wahnsinn und Selbstmord getrieben wird. Nachdem sein Vater bei alchemistischen Experimenten, die er gemeinsam mit dem Advokaten Coppelius durchführt, ums Leben kommt, schlüpft der aus seinen Augen verantwortliche Rechtsgelehrte nicht nur in die Rolle eines Mörders, sondern auch in die der Wirklichkeit gewordenen Schreckgestalt des Sandmanns. Dieser wird in den Kindergeschichten nämlich nicht wie heute als wohlwollendes, gutmütiges Männlein sondern als strafendes, unmenschliches Wesen dargestellt.

Multimedial schafft die Gruppe in der 60-minütigen Darbietung eine Collage, in der tatsächlich die Angst greifbarer Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist. Sanfte Klänge bekannter Kinderlieder brechen aus dem gedankenverlorenen Automatismus ihrer gewöhnlichen Darbietungsform aus, enden abrupt, um sich dann in ein aggressiv-hysterisches Crescendo zu steigern. Individuelle Erfahrungen eingebettet in den kollektiven Wahrnehmungshorizont der Popkultur. Konzentration auf „die Schattenseiten“, untermalt von der Musik Tschaikowskis.

Auch jenseits des eigentlichen Stücks wird versucht, eine gewisse dunkelromantische Atmosphäre aufzubauen, so dass die Aufführung nicht nur als einzelner Kontrastpunkt zur auf Heiterkeit getrimmten Außenwelt fungiert, sondern dadurch, dass sie in ihre eigene Daseinssphäre eingebettet ist, Aushängeschild einer ganzen Lebenssicht, einer Lebenswirklichkeit werden kann. Gestört wird dieser Eindruck am Abend der Premiere lediglich von – so ist zu vermuten – den Familienangehörigen der Darsteller, die akribisch jede Bewegung ihres Sprösslings fotografieren, wenn nicht gar filmen müssen und so das Ganze zur „niedlichen Schulaufführung“ degradieren. Ein Verhalten, das weder der Aufführung noch der Gruppe selbst gerecht wird. Diese rächt sich übrigens mit einem sehr charmanten Durchbrechen der vierten Wand und zeigt dadurch, dass das Offensichtliche erläutert wird, dem Publikum den intellektuellen Mittelfinger. Chapeau!

So bewegt sich das Stück zwischen zwei Polen, die auch musikalisch zum Ausdruck gebracht werden. Was verklärend-romantisch mit einer Spieluhr-Version der (Ost-)Sandmännchen-Melodie beginnt, endet mit dem grotesken (und mittlerweile nicht mehr indizierten) „Schlaflied“ von Die Ärzte.