Interview Carola Menzel

Carola Menzel, Tänzerin

 

Jugendtanztag – Ein bisschen wie Weihnachtenlogo-ausstellung

Jugendtanztag. Was verbinde ich mit diesem Begriff? Natürlich Tanz, Tanz, Tanz. Aber nicht nur das, der Jugendtanztag ist so viel mehr als nur ein Jugendtanztag! Er ist Erinnerungen, Emotionen und Leidenschaft! Jedes Jahr aufs Neue freue ich mich auf diesen einen Tag im Jahr, jedes Jahr freue ich mich auf die Generalprobe, auf die Bühnenprobe und schließlich auf den großen Tag. Dieses Mal ist es der dritte Dezember und schon seit ich den Termin weiß, wird der Tag freigehalten. Den Jugendtanztag verpassen? Alles, aber nicht das! Da verpasst man lieber alles andere!

Es fängt schon mit den Proben an. Jede Stunde nach dem Sommerfest steigt das Fieber, die Aufregung, was wird es dieses Jahr, welche Stücke zeigen wir auf der Bühne, zu welcher Musik tanzen wir…? Und wenn diese Fragen dann endlich geklärt sind, geht es los! Training, Training, Training. Irgendwann kommt die Phase, in der man alles gefühlte hundert Male durchmachen muss, am besten noch ohne Musik. Die Phase, in der irgendwie niemand mehr die Musik hören kann, in der man nach dreimal durchtanzen schon keine Luft mehr hat, weil man sich schon zu sehr verausgabt hat. Und trotzdem muss es weitergehen. Füße strecken, Rücken grade, Arme richtig beugen, alles muss stimmen und synchron aussehen. Und wenn das erstmal geschafft ist, weiß man, was man geschafft hat. Aber die größten Hürden sind damit noch nicht überwunden.

Denn dann kommt Uschys wachendes Auge. Wer nicht sowieso schon bei ihr Training hat, muss die strengen Blicke am Ende der Stunde über sich ergehen lassen und die Kritik willig annehmen – eine Sache, an die man sich auch erstmal gewöhnen muss. Aber schließlich haben wir Uschy alles zu verdanken, da kann man sich schon mal für sie anstrengen – und will es auch! Schon allein, um sie am Ende strahlen zu sehen und diesen Stolz zu verspüren, wenn sie sagt, sie habe Gänsehaut bekommen. Ein größeres Lob gibt es gar nicht!

Und die Stunde, in der Agathe mit dem Maßband vorbeikommt, lässt die Aufregung noch mehr steigen. Alles wirkt auf einmal so nahe, fühlt sich fast an wie wenn man den geschmückten Tannenbaum wenige Tage vor Weihnachten im Wohnzimmer stehen sieht und sich auf den baldigen Abend freut, an dem die Lichter auf ihm endlich brennen.

Aber mit Uschy sind noch nicht alle überzeugt. Bei der Generalprobe wird den anderen Tänzern gezeigt, was man so fleißig geübt hat. Außerdem wird das ganze Stück zusammengefügt und man ist gespannt auf die anderen Tänze und Übergänge. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendjemanden gibt, dem die Generalprobe im großen Saal keinen Spaß macht. Schon allein dieses Wir-Gefühl, das auf einmal herrscht, wenn alle auf dem Boden sitzen und Uschys Anweisungen zuhören, muss man erlebt haben! Dazu kommt dann das Tanzen in den Kostümen, die man vorher in den zweckentfremdeten Horträumlichkeiten das erste Mal anziehen durfte! Ein wirklich besonderer Moment… außerdem darf man auch das Büfett im Café nicht vergessen! Egal, wann ich einen Butterkeks esse und sei es mitten im Hochsommer, für mich schmeckt er immer nach Generalprobe – und wird wahrscheinlich auch immer so schmecken.

Wo wir gerade bei Proben sind… die Bühnenprobe ist – wenn man sie nicht gerade verpasst – auch jedes Mal irgendwie etwas Besonderes. Nicht nur, dass man die Tänze mal ohne Kostüme sehen kann, schon allein die Tatsache, dass sie in der Stadthalle stattfindet, lässt alle Jugendtanztag-Tänzerherzen höherschlagen. Denn ich glaube, in einer Sache sind wir uns alle einig: wer von klein auf tanzt, muss nur in die Stadthalle hineingehen und spürt schon den Jugendtanztag. Diese Aufregung, die wie ein unsichtbarer Nebel durch die Treppenhäuser und Garderoben wabert, über die breiten Treppen mit Teppichboden, die man im Kostüm nach oben rennt, um den Lippenstift aus der Garderobe zu holen, hinein in die Garderoben selbst, wo die Stühle an die Wand geschoben sind und die Schminksachen aufgebaut wurden – direkt neben Uschys Glücksmuffins. Der Aufzug erinnert einen daran, dass man ihn eigentlich nicht benutzen darf, die Fenster daran, wie man kurz vor seinem Auftritt über den dunklen Neckar auf die beleuchteten Villen auf der anderen Flussuferseite schaut und es vielleicht sogar zu schneien beginnt. Der Balkon sieht nach Den-Tanz-Nochmal-Durchgehen aus und im Foyer sieht man die ganzen Gäste der Reihe nach eintrudeln und freut sich schon darauf, ihnen seinen Tanz zeigen zu dürfen. Das Gustav-Mahler-Zimmer lässt die Aufregung steigen, diese spannenden Momente, in denen man hinter der Bühne steht und die Tür geöffnet wird, die in den Saal führt, und wieder eine fertige Gruppe strahlend von der Bühne kommt. Es ist immer schwer, ruhig zu bleiben, wenn man einen kurzen Blick nach draußen erhaschen kann, wo es dunkel ist und nur das Licht der Scheinwerfer und der Klang der Mikrofone ins Zimmer dringt. Und dann schließt sich die Tür schon wieder und man ist wieder ein Tanz näher an seinem eigenen Auftritt. Und das realisiert man erst so richtig, wenn man die Treppen hinter die Bühne hoch gelotst wird, vorbei am Abgang zum Helferbuffett und dann endlich hinaus auf die Bühne. Und dann, auf der Bühne, vergisst man alles um sich herum. Leicht geblendet von den Scheinwerfern tanzt man und gibt ein letztes Mal alles, um das Publikum zu überzeugen. Manchmal passieren Patzer, über die man sich dann furchtbar aufregt, aber… die sind spätestens nach dem tosenden Schlussapplaus komplett verblasst.

Und dann, wenn man dann spätestens nach dem Contest die Stadthalle verlässt, um sich daheim abzuschminken, freut man sich schon wieder auf nächstes Jahr, wenn die ganze Aufregung wieder von vorne losgeht. Und das hoffentlich noch weitere unvergessliche dreißig Jahre lang!